Puppenhaus

Kurzgeschichte

Band 1, Ausgabe 1

Erschienen am 27. August 2025

© 2025 Kay Roedel

 

Lina hatte das Puppenhaus schon immer geliebt. Es stand seit Jahrzehnten auf dem Dachboden ihrer Großmutter – ein altes, verwittertes Ding mit abgeblätterter Farbe und winzigen Möbeln, die nach Staub und vergessenen Geschichten rochen. Jeden Sommer, wenn sie zu Besuch kam, verbrachte sie Stunden damit, die kleinen Porzellanfiguren zu arrangieren, als könne sie ihnen Leben einhauchen.  

„Pass gut darauf auf“, flüsterte ihre Oma immer mit einem seltsamen Lächeln. „Manche Dinge haben eine Seele.“  

Doch in diesem Sommer war alles anders. Ihre Großmutter war vor einigen Wochen gestorben.

 

Lina stand mit zitternden Händen vor dem Puppenhaus, während draußen der Regen gegen die Dachbodenfenster trommelte. Sie wollte es mitnehmen – die letzte Erinnerung an die Frau, die ihr Märchen erzählt und heimlich Süßigkeiten in ihre Tasche gesteckt hatte, wenn die Eltern nicht hinsahen.  

Als sie es vorsichtig hochhob, knackte etwas. Ein winziges Geheimfach im Boden, das sie noch nie bemerkt hatte, sprang auf. Darin lag ein vergilbter Brief.  

„Meine liebe Lina…“

Ihr Atem stockte. Die Schrift war zittrig, aber unverkennbar die ihrer Oma.  

„Wenn Du dies findest, bin ich schon lange fort. Aber ich habe Dir etwas hinterlassen – nicht nur das Puppenhaus. Schau genauer hin. In jedem Zimmer ist eine Erinnerung versteckt. Die kleine Holzbank? Da saßen wir, als ich Dir beibrachte, wie man Kirschkerne weit spuckt. Der winzige Teddy? Den habe ich Dir genäht, als Du krank warst. Und das Küchenregal… da steht noch das Miniatur-Törtchen, das Du mir zum Geburtstag gebacken hast.“

Lina presste eine Hand gegen den Mund. Plötzlich sah sie es – jedes Möbelstück, jede winzige Figur erzählte eine Geschichte. Ihre Geschichte.  

 

Dann der letzte Satz:  

„Und falls Du jemals glaubst, ich sei nicht bei Dir… schau in den Spiegel im Puppenhaus. Denn Liebe verschwindet nie. Sie wird nur kleiner. So klein, dass sie in ein Puppenhaus passt.“

Mit tränenverschleiertem Blick beugte sich Lina, so das sie in dass winzige Spiegelchen im Wohnzimmer des Puppenhauses sehen konnte, und für einen Sekundenbruchteil sah sie nicht ihr eigenes Gesicht, sondern das Lächeln ihrer Großmutter ... und dann verstand sie.

Der Dachboden war still, nur das leise Knarren des alten Holzes unter ihren Füßen war zu hören. Langsam strich Lina mit den Fingern über das Puppenhaus – jedes Möbelstück, jede winzige Kerbe, als könne sie die vergangenen Jahre noch einmal spüren. Die Tränen liefen ihr ungehindert übers Gesicht, aber sie lächelte.  

 

Sie spürte eine zarte Berührung, wie ein Hauch von Lavendel und warmem Sommerwind. Sie schloss die Augen und wusste: Oma war hier. Nicht im Puppenhaus. Nicht im Spiegel, sondern überall, wo die Liebe war.

 

Ende