Der letzte Tanz im gleißenden Weiß
Erzählung
Band 1, Ausgabe 1
Geschrieben am 06. Juli 2025.
Erschienen am 19. Januar 2026.
© 2025 - 2026 Kay Roedel
Inmitten des geschäftigen Treibens der Stadt, wo Lachen und Diskussionen den Alltag prägten und das Leben in all seinen Facetten blühte, begann ein Morgen wie jeder andere. Ein Paar genoss die ersten warmen Sonnenstrahlen im Park, als ein unscheinbarer Punkt am Himmel ihre Aufmerksamkeit erregte. Was zunächst wie ein fernes Flugzeug aussah, entpuppte sich schnell als etwas zutiefst Beunruhigendes. Ein winziger Fleck fiel unaufhörlich der Erde entgegen. Erst nach quälend langen Minuten wich die Neugier dem kalten Griff der Erkenntnis.
Ein fernes, kaum wahrnehmbares Grollen am Horizont kündigte das Unausweichliche an. Ein leises Flüstern der kommenden Apokalypse, das sich noch kurz in den Geräuschen des erwachenden Tages verlor. Doch dann kam der Blitz. Nicht wie ein Gewitter, nicht wie ein Feuerwerk. Dieser Blitz war allumfassend; ein blendendes, gleißendes Weiß, das die Welt verschluckte und die Zeit in einem mikroskopisch kleinen Bruchteil einer Sekunde bis zur Ewigkeit dehnte.
Ihre Blicke, Sekunden zuvor noch erfüllt von nacktem Entsetzen, trafen sich. In ihren blauen und in seinen in braunen Augen spiegelte sich plötzlich nicht mehr die Angst vor dem Unbekannten, sondern eine absolute, alles verzehrende Liebe. In einer letzten, verzweifelten Umarmung hallte ein zärtliches „Ich liebe dich“ durch die Luft. Es war ein Vermächtnis, das stärker war als jeder kommende Knall.
Der Druck ihrer Umarmung intensivierte sich ins Unermessliche. Jeder Muskel, jede Faser ihres Seins klammerte sich an den anderen, als wollten sie sich in diesem letzten Akt der Zuneigung gegenseitig retten. Sie spürten nicht mehr die Hitze, die sich mit unfassbarer Geschwindigkeit ausbreitete, und nicht den Schock, der ihre Körper zu zerreißen drohte. Alles, was zählte, war die Berührung, die Wärme des anderen und der Duft der Haut, der sich in ihre Seelen einbrannte.
In diesem gleißenden Weiß gab es keine Geräusche mehr, nur eine absolute Stille, die lauter war als jede Explosion. Die Welt, wie sie sie kannten, die Bäume im Park, das Lachen der Kinder, die fernen Geräusche der Stadt, alles löste sich auf in diesem einen, alles verzehrenden Licht. Doch in ihren Herzen löste sich nichts auf. Da war nur Liebe. Eine Liebe, so rein und stark, dass sie selbst das Vergehen überstrahlte. Sie waren eins, verschmolzen in diesem blendenden Nichts, vereint für immer in dem Wissen, dass sie einander hatten, bis zum allerletzten Augenblick.
ENDE
"Gewidmet und in tiefem Gedenken all jenen, die ihr Leben ließen durch die sinnlose Gewalt der Kriegstreiber dieser Welt."