Charakter #3 Leonie


Sie malt Schlösser. Nicht weil sie von Prinzessinnen träumt, sondern weil Schlösser Mauern haben. Und Mauern halten das Böse draußen.

Leonie ist acht Jahre alt, und sie hat gelernt, dass die Welt kleiner werden kann. Sehr schnell. Sehr leise. Bis sie nur noch so groß ist wie ein Krankenzimmer, ein Fenster, eine Glasscheibe, hinter der jemand auf sie wartet.

Sie kämpft. Nicht laut, nicht dramatisch. Mit dem stillen, hartnäckigen Ernst eines Kindes, das verstanden hat, dass Aufgeben keine Option ist. Nicht solange jemand auf der anderen Seite der Scheibe Drachen malt und auf sie wartet.

Leonie liebt Farben. Sie liebt das Kratzen des Buntstifts auf Papier, die Art, wie Orange neben Blau leuchtet, wie ein einziger roter Strich ein Bild verändern kann. Sie malt Gärten, in denen die Blumen nie verwelken. Sie malt Fenster, aus denen jemand herausschaut. Sie malt eine Welt, in der Kinder rennen, ohne nachzudenken, ob ihre Beine sie tragen.

Sie hat einen Freund, der Drachen malt. Einen Freund, den sie nie berührt hat, weil eine Glasscheibe zwischen ihnen ist. Aber Glasscheiben halten keine Freundschaft auf. Das hat Leonie verstanden, auch wenn die Erwachsenen manchmal so tun, als wäre die Welt nur das, was man anfassen kann.
Sie glaubt an Versprechen. Sie glaubt an Menschen, die sagen, ich bin hier, und es auch meinen...