Zwei Welten
Essay
Band 1, Ausgabe 1
Erschienen am 10. März 2026.
© 2025 Kay Roedel
Ich wache auf, und das Erste, was ich spüre, ist die kühle, glatte Baumwolle meiner Bettwäsche. Ein Blick auf mein Smartphone, 6:30 Uhr. Die Welt ist noch ruhig, aber ich weiß, dass sie bald in einen geordneten Rhythmus verfallen wird, der von meiner Weckzeit bis zur letzten Nachricht auf meinem Display reicht. Der Tag beginnt mit den vertrauten Ritualen: Der dampfende Kaffee aus der Maschine, das frisch geröstete Brot vom Bäcker, das kein Wunsch, sondern eine Selbstverständlichkeit ist. Nach der Dusche, wo das warme, saubere Wasser in unbegrenzter Menge fließt, ziehe ich meine professionelle Kleidung an.
Ich fahre zur Arbeit. Nicht zu Fuß, um Wasser zu holen, sondern im beheizten Auto oder in der pünktlichen Bahn. Im Büro warten die Akten und Unterlagen auf mich. Wir wälzen Dokumente, wir optimieren Prozesse, wir heften ab und sortieren, unser Kampf ist ein Kampf gegen die Unordnung, nicht gegen den Hunger. Unsere Anstrengung dient dem Fortschritt, der Sicherheit, dem Luxus einer funktionierenden Verwaltung. Mein Bruder, der Bäcker, steht derweil in der Backstube, wo er in einer hygienischen Umgebung Brotleibe und Gebäck in perfekt regulierte Öfen schiebt. Meine Freundin, die Architektin, leitet die Baustelle, auf der robuste Gebäude entstehen, zum Wohnen, zum Arbeiten, zum Lernen. Wir bauen nicht nur Häuser; wir bauen auf die Zukunft.
Die Mittagspause ist eine Oase. Wir essen, trinken und lachen mit unseren Kollegen. Wir diskutieren über den Urlaub, über die neuesten politischen Entwicklungen, über alles, außer über das, was es zu essen gibt, denn das ist immer reichlich vorhanden. Wenn ich am Abend nach Hause komme, ist es warm, sicher und beleuchtet. Meine Familie wartet. Wir essen gemeinsam eine warme Mahlzeit, ausgewogen, nahrhaft, und mit einer Auswahl, die uns jedes Supermarktregal bietet. Ich lese noch ein paar Seiten, schaue in mein Handy, sehe fern.
Wir gehen zu Bett, umgeben von der stillen Gewissheit: Morgen wird alles wieder da sein. Die Gesundheitsversorgung, die sofort hilft, die Rente, die unseren Lebensabend sichert, und vor allem der Frieden, der uns seit Generationen erlaubt, Sorgen höchstens auf die Steuererklärung zu beschränken. Wir leben ein sorgenfreies Leben, gebaut auf dem Fundament von Ordnung, Sicherheit und Überfluss. Wir nehmen es als selbstverständlich hin.
Zur gleichen Zeit, an einem anderen Ort. Uns trennen nun etwa 9000 Kilometer. Eine kurze Flugreise entfernt, geografisch nah, doch getrennt durch Welten.
Ich wache auf, und das Erste, was ich spüre, ist der brennende Sandstaub auf meiner Haut und die stechende Angst im Magen. Es ist 5:00 Uhr, aber ich muss aufstehen, bevor die Sonne unerbittlich wird und bevor die Patrouillen sich bewegen. Der Tag beginnt mit dem Kampf um die elementarsten Dinge.
Der erste Weg ist der gefährlichste: Wasser holen. Stundenlang laufe ich, immer darauf bedacht, wer in den Büschen lauert. Sauberes Wasser ist ein Luxus. Wir trinken, was wir finden, und beten, dass es uns nicht die Cholera oder Typhus bringt. Die Kinder sind keine unschuldigen Spieler, sondern kleine Arbeitskräfte. Die Schule ist ein zerstörter Traum. Wenn sie Glück haben, sitzen sie auf dem Boden in einer baufälligen Hütte. Wenn sie Pech haben, werden sie von bewaffneten Gruppen rekrutiert oder geraten in Kinderheiraten.
Wir arbeiten nicht, um Akten zu sortieren, sondern um den täglichen Kalorienbedarf zu sichern, der oft nur eine Schale dünnen Brei bedeutet. Wir arbeiten auf den ausgedörrten Feldern unter der unbarmherzigen Sonne. Jeder Tag ist eine bittere Verhandlung mit der Natur und dem Mangel. Die Gewalt ist kein Ereignis in den Nachrichten; sie ist der Schatten, der uns folgt. Raub, Überfälle, Viehdiebstahl, oft verbunden mit massiven Grausamkeiten und der systematischen Vergewaltigung von Frauen und Mädchen als Kriegswaffe.
Wenn jemand krank wird, beginnt das verzweifelte Warten. Die Gesundheitsversorgung ist nicht existent. Die alten Menschen sind eine Bürde, die mit Liebe, aber ohne Mittel getragen wird. Sie leiden oft an unbehandelten Wunden und Krankheiten, sind die ersten, die der Hunger holt. Am Abend kehren wir in unsere Notunterkunft zurück, oft ein Zelt oder eine Hütte, die wir notdürftig aus Lehm und Ästen geflickt haben. Es gibt keine Beleuchtung, die uns sicher macht, nur die Dunkelheit, in der wir auf den nächsten Überfall warten.
Bevor ich einschlafe, bete ich nicht für den Fortschritt, sondern für die Stille. Ich bete, dass meine Kinder morgen noch da sind. Mein Sozialsystem ist meine Fähigkeit zu laufen, wenn die Kämpfe beginnen. Wir leben ein Leben im ständigen Ausnahmezustand, in dem die größte Selbstverständlichkeit die Ungewissheit ist.