Am Beckenrand

Erzählung 

Band 1, Ausgabe 1

Erschienen am 7.Juli 2026.

© 2026 Kay Roedel

Am Beckenrand

Ich lag im Wasser, die Arme auf den Beckenrand verschränkt, den Kopf darauf abgelegt, ganz ruhig, ganz für mich. Der Blick ging ins Leere, dorthin, wo Gedanken einfach schweben dürfen, wenn der Körper zur Ruhe kommt.

Dann, durch reinen Zufall, ein Detail direkt neben mir. Eine kleine Ecke, in der die Fugenmasse zwischen den Fliesen ausgebröckelt war, ein winziger Riss in der sonst so glatten Ordnung des Bodens. Und darin, fast versteckt, eine Grille.

Ich beobachtete sie, wie sie ihre Flügel aneinander rieb, immer wieder, kurz und rhythmisch. Ein Zirpen, das ich nicht hören konnte, das für mich stumm blieb, während es für andere vielleicht die Luft um mich herum gefüllt hätte.

Ich schloss für einen Moment die Augen und stellte mir den Klang vor, hoch, vibrierend, sich wiederholend, wie ein kleines, unermüdliches Signal aus einer Welt, die mir verschlossen ist. Es war ein leiser, eigener Klang, den nur ich in mir trug.

Zwischen dem warmen Wasser, der Stille, die für mich immer da ist, und diesem winzigen Wesen in seiner ausgebröckelten Ecke lag ein Gefühl, das ich schwer greifen konnte. Schön, weil ich etwas entdeckt hatte, das sonst niemand bemerkt hätte. Traurig, weil ein Teil dieses Moments für immer außerhalb meiner Reichweite blieb.

Ich blieb einfach liegen, den Kopf auf den Armen, und ließ die Grille weiterspielen, ihr eigenes, unhörbares Lied.