Das erste Licht

Erzählung 

Band 1, Ausgabe 1

Erschienen am 16. Juni 2026.

© 2026 Kay Roedel

Der Morgen kam leise.
Nicht mit dem Lärm der Welt - er schlich sich heran, zart und ungebeten, durch den schmalen Spalt zwischen den Vorhängen. Ein einzelner Strahl fiel schräg ins Zimmer und legte sich wie eine stille Geste über die Bettdecke. Sie öffnete die Augen und da war er.

Irgendwo tief in ihrer Brust begann etwas zu leuchten. Kein Aufflackern, kein Drama - es war stiller als das. Als würde jemand in einem dunklen Raum Kerze um Kerze entzünden, bis das Licht nicht mehr von einer einzelnen Flamme kam, sondern von überall her. Von innen.

„Er ist da“, dachte sie.

Nur das. Keine Erklärung, kein Danke, kein Warum. Nur diese drei Worte, so einfach und so vollständig wie ein Satz, der keinen weiteren braucht.

Sie rührte sich nicht. Wollte nichts verschieben in diesem Moment, keine Luft bewegen, keinen Laut machen, der ihn hätte stören können. Sie schaute ihn an so, wie man etwas betrachtet, das man nicht verlieren  möchte, mit einer Aufmerksamkeit, die fast schmerzhaft ist.

Seine Hände lagen halb offen neben ihm. Hände, die Türen geöffnet, Tränen getrocknet, sie gehalten hatten, als die Welt zu schwer wurde.

Diese Hände... seine Hände.

Die Freude, die jetzt in ihr war, wollte keine Worte. Sie wollte nur „sein“ — still, rund und vollkommen, wie ein Stein, der so lange im Wasser gelegen hat, dass alles Raue glatt geworden ist.

Ein Vogel sang. Das Licht wanderte einen Millimeter weiter.

Er schlief. Und sie war für diesen einen, flüchtigen Augenblick vollständig. Nicht glücklich auf die Art, wie man sagt „mir geht's gut“, sondern auf die Art, für die es kein Wort gibt. Die stille, schwere, goldene Art.

Irgendwann würde der Tag beginnen. Irgendwann würden sie wieder Menschen sein, die Dinge tun müssen... aber noch nicht.

Sie schloss die Augen und lächelte.