Der Gong von 1980

Erzählung

Band 1, Ausgabe 1

Erschienen am 7. April 2026.

© 2026 Kay Roedel

Nürnberg, Winter 1980. Der Wind pfiff um die Ecken des alten Sandsteingebäudes, das in einem warmen Beige-gelb erstrahlte, als hätte die Sonne selbst es mit ihren letzten Strahlen des Jahres gestreichelt. Die Adam-Kraft-Grundschule stand da wie ein stiller Wächter über die Kinderschar, die jeden Morgen durch ihre schweren Holztüren strömte. Doch das wahre Herzstück der Schule war nicht der geräumige Pausenhof oder die knarrenden Treppen, es war der Pausengong.

Drei Töne. Immer drei Töne. Ein tiefes, metallisches Ding, Dang, Dong, das durch die Flure hallte, als würde es die Zeit selbst einläuten. Die Kinder wussten: Beim ersten Ton war es Zeit, die Brotdosen zu schließen und die letzten Krümel vom Pausenbrot zu wischen. Beim zweiten Ton begannen die Lehrer, ungeduldig an die Türen zu klopfen. Und beim dritten? Dann war es vorbei mit dem Lachen, dem Toben und dem heimlichen Tausch der Murmeln. Die Schule atmete tief durch und der Unterricht ging weiter.

Doch wer sorgte dafür, dass dieser Gong jeden Tag pünktlich ertönte? Das war die Aufgabe von Hausmeister Röckel. Ein Mann, der die Schule wie seine Westentasche kannte. Immer in seinem grauen Handwerkermantel, der an den Ärmeln schon etwas ausgefranst war, und der grauen Latzhose, die nach jahrelangem Tragen fast wie ein zweites Fell an ihm klebte. In seiner Hand klirrte der große Schlüsselbund, der an seinem Gürtel hing und bei jedem Schritt leise klingelte. Die Kinder nannten ihn nur „Herr Röckel“, und wenn er durch die Gänge schritt, grüßten sie respektvoll. Er war derjenige, der die Heizung im Winter hochdrehte, wenn die Kälte durch die alten Fenster kroch, und der im Sommer die Jalousien herunterließ, damit die Hitze nicht die Köpfe der Schüler vernebelte.

Eines Tages, es war ein besonders kalter Januar, blieb der Gong stumm. Die Kinder warteten, die Lehrer blickten auf ihre Uhren, und eine seltsame Stille breitete sich aus. Doch dann, ein leises Klicken, ein Räuspern, und plötzlich erklang das vertraute „Ding, Dang, Dong“. Herr Röckel war wieder einmal der Retter des Tages. Mit einem Lächeln, das unter seinem dichten Schnurrbart kaum zu sehen war, hatte er den defekten Schulgong repariert. „Alles hat seine Zeit“, brummte er, während er sich die Hände an der Latzhose abwischte. „Auch der Gong.“

Und so blieb der Pausengong der Adam-Kraft-Schule ein treuer Begleiter, drei Töne, die Generationen von Kindern durch ihre Schulzeit geleiteten. Ein Signal, das nicht nur den Rhythmus des Tages bestimmte, sondern auch die Erinnerung an einen Mann, der im Hintergrund alles am Laufen hielt: Hausmeister Röckel, mit seinem grauen Mantel, seinem Schlüsselbund und seinem unerschütterlichen Pflichtbewusstsein.

ENDE