Der Wartebereich
Kurzgeschichte
Band 1, Ausgabe 1
Erschienen am 25. August 2026.
© 2026 Kay Roedel
Marek war siebzig geworden, ohne es groß zu feiern. Oft saß er am Fenster und sah den Nachbarskindern beim Spielen zu. Dabei dachte er an kleine Momente aus seinem Leben, Momente, die niemand sonst bemerkt hatte. Da war der Kollege, dem er vor Jahrzehnten aus Neid eine Chance verwehrt hatte. Niemand wusste davon. Da war auch die alte Frau im Treppenhaus, der er jeden Winter die Einkäufe hochtrug, ohne dass sie je darum gebeten hätte. Marek hatte nie Buch über sich geführt. Aber irgendetwas in ihm hatte trotzdem immer mitgezählt, leise, im Hintergrund, wie ein Herzschlag, den man erst hört, wenn man genau hinhört.
Vor dem Sterben hatte er nie Angst gehabt. Nur manchmal, in ruhigen Nächten, fragte er sich, ob es schmerzhaft sein würde oder friedlich. Ob er mitten aus einem Satz gerissen würde, oder ob er Zeit haben würde für einen letzten, bewussten Atemzug. Als es soweit war, an einem ganz normalen Nachmittag, saß er auf seiner Couch. Das Fenster stand offen, es roch nach Regen. Sie war bei ihm, hielt seine Hand, so wie sie es sein Leben lang getan hatte. Er bekam, was er sich im Stillen gewünscht hatte. Kein Reißen. Nur ein Loslassen, so sanft, dass er es kaum bemerkte. Ein letztes Drücken ihrer Hand. Ein Ausatmen, das nicht mehr aufhörte. Und dann nichts.
Dann war er wieder da. Er wusste nicht, wie viel Zeit vergangen war. Er hatte keinen Körper mehr, nur ein Gefühl von Dasein, wie reine Energie, die nirgendwo verloren gehen kann, nur ihre Form wechselt. So wie Strom nicht entscheidet, durch welches Kabel er fließt, er fließt einfach dorthin, wo der Weg ihn hinträgt. Er war in der Gaffa angekommen, jenem Zwischenraum, von dem er als Kind einmal gehört und den er als Erwachsener längst vergessen hatte.
Um ihn herum lag Grau, weich wie Nebel. Er spürte, dass er nicht allein war. Viele andere waren da, er fühlte ihre Nähe wie eine Wärme ohne Quelle. Aber niemand sprach. Niemand wandte sich ihm zu. Jeder blieb für sich. Trotzdem fühlte es sich nicht einsam an. Eher wie ein großer, stiller Raum, in dem alle dasselbe taten, ohne einander zu stören.
Dann kamen die Bilder. Kein Film, eher Erinnerungen, die einfach aus dem Nebel auftauchten. Der Kollege, dem er die Chance verwehrt hatte. Die alte Frau mit den Einkaufstüten. Beides lag nebeneinander, ohne Beschönigung, das Genommene und das Gegebene, gleich deutlich, gleich schwer.
"Das ist nicht Himmel oder Hölle", dachte er. Oder vielleicht dachte es durch ihn hindurch, er konnte es nicht mehr genau sagen. "Das ist nur eine Etappe. So wie das Leben eine war. Hier wird nichts bestraft und nichts belohnt. Hier wird nur sichtbar, was du warst."
Er blieb bei den Bildern, ohne Eile, denn Zeit schien hier keine Rolle mehr zu spielen. Er dachte an all die kleinen Momente, die er nie gezählt hatte, weil sie ihm damals unwichtig erschienen. Jetzt verstand er, niemand von außen hatte je mitgezählt. Er selbst war der Einzige gewesen, der jedes Mal die Wahl hatte, empathisch oder egomanisch zu handeln. Und er war jetzt der Einzige, der mit der Summe weiterging.
Niemand sagte ihm, was als Nächstes kommen würde. Nur ein leises Wissen breitete sich in ihm aus, wie Licht durch Nebel: Diese Etappe würde enden, so wie die davor, ohne sein Zutun. Und eine neue würde beginnen. Ein neues Leben, ein neues Bewusstsein, ein neues Ich, geformt aus dem, was er hier zurückließ. Nicht als Strafe. Als Ausgangspunkt.
Er dachte an sein Leben als eine Art Schule, an all das Lernen, das er nie als Lernen erkannt hatte, während er mittendrin steckte. Und er dachte, ohne Angst, ohne Bedauern, nur mit einer stillen Ruhe, dass es vielleicht immer so weitergehen würde. Etappe für Etappe, Schule für Schule, ohne dass er je erfahren würde, ob es ein Ende gibt. Vielleicht war das auch gar nicht die wichtige Frage.
Die letzte Wahl, die ihm blieb, war keine große Geste. Nur eine stille Ausrichtung, ein Sich Hinwenden zu dem, was er hätte besser machen können. Nicht mit Reue, die lähmt, sondern mit der ruhigen Bereitschaft, es der nächsten Etappe mitzugeben. Er entschied sich, es weiterzutragen. Nicht als Last. Als Auftrag.
Wie lange er dort blieb, wusste er nicht, und es spielte auch keine Rolle mehr. Eine Stunde vielleicht. Oder ein ganzes Jahrhundert. Die Gaffa kannte keine Uhr, die das hätte zählen können. Irgendwann, langsam, ohne einen genauen Moment, wurde der Nebel heller. Nicht wie ein Ende. Wie ein Anfang, der noch keinen Namen hatte.