Himmelsritt
Erzählung
Band 1, Ausgabe 1
Erschienen am 08. September 2026.
© 2025 Kay Roedel
Es war eine stille Nacht, der Mond stand hoch über den Dächern und tauchte das Zimmer in ein sanftes, silbernes Licht. Die Luft war ruhig, nur das leise Ticken einer Uhr und der gleichmäßige Atem eines Mannes waren zu hören, der reglos in seinem Bett lag. Seine Augen wurden schwerer, sein Blick verlor sich langsam im Dunkel des Raumes.
Er spürte, wie seine Gedanken sich lösten, einer nach dem anderen, wie Blätter, die vom Wind fortgetragen werden. Dann war da plötzlich ein Pferd, schwarz wie die Nacht selbst, ohne Zaum, ohne Sattel, es brauchte beides nicht. Er stieg auf, mühelos, und schon hoben sie ab, durch das Dach, hinaus in ein Dunkel, das keine Grenze kannte.
Unter ihm wurde die Erde klein, die Lichter der Stadt wurden zu Funken, dann zu Staub, dann zu nichts. Über ihm öffneten sich die Sterne, nicht als Punkte, sondern wie Türen, jede bereit, sich zu öffnen, wenn er nur wollte. Der Wind trug keine Kälte, nur ein Lösen, ein Weniger-Werden, das sich wie Mehr anfühlte.
Er hielt sich an nichts mehr fest, er musste es nicht. Hier gab es kein Falsch, kein "Zu spät", kein "Nicht mehr können", hier war alles offen, alles möglich, das Pferd trug ihn, wohin es wollte, oder er trug sich selbst, das ließ sich nicht mehr unterscheiden.
In diesem Moment gab es keine Sorgen, keine Fragen, nur das reine Gefühl des Loslassens, das aus dem einfachen Ritt zu den Sternen kam. Die Welt schien stillzustehen, und alles, was zählte, war das Pferd, das durch den Sternenhimmel trug, und der Mann, der endlich losließ. Es war ein Moment purer Freiheit, eingefangen in der Stille des Einschlafens.
ENDE